Eine himmlische Verführung

Veröffentlicht am 27. September 2026 um 21:19

Von 2001 bis 2016 begleitete ich zwei- bis dreimal im Jahr kleine Pilgergruppen auf dem Jakobsweg von Innsbruck nach Santiago und auf dem Franziskusweg von Florenz nach Rom.

Diese kleine Geschichte entstand ungefähr 2014 – irgendwo in Frankreich oder Spanien. „Leider“ ist sie nur zum Teil wahr. Und doch fühle ich mich mit ihr einfach wohl.

Nach einer besonderen Seminarwoche auf Maria Waldrast in Tirol, in der das gemeinsame Singen mit Verena Schmid für uns ein wesentlicher Teil war, musste ich wieder an diese Geschichte denken. Also habe ich sie aus meiner Schatzkiste hervorgeholt.

Vielleicht macht sie auch dir Freude.

Am Ende der Geschichte findest du einen Link zum YouTube-Kanal unserer Musikerin Verena.

 

Eine himmlische Verführung 

Müde und verschwitzt nahm ich den Rucksack vom Rücken und stellte ihn neben die Türe der Kapelle. Eine wunderschöne Stimme hatte mich hierhergelockt, ein helles, klares Halleluja. Leise trat ich ein und setzte mich auf die nächstgelegene Bank. Klein war die Kapelle, dunkel, aus grauen Steinblöcken erbaut.

Einige wenige Kerzen, eine leere Wasserflasche auf der Bank neben mir, ein schlichtes Kreuz über dem Altar, und ein paar Plastikblumen davor. Behutsam setzte die Sängerin die hellen Töne in den Raum und berührte mich mit ihren zarten Liedern in Dur und Moll tief.

Ja, so wollte ich singen können! Töne, die Klänge waren, die die Stille zum Leben erweckten. Ich seufzte tief. Singen wollte ich, um diese Schönheit und Klarheit, diesen Frieden in die Welt zu bringen.

„Kannst du machen“, flüsterte eine Stimme. „Hat aber seinen Preis.“

Ich schaute auf. Mein Herz frohlockte und suchte nach der Stimme.

„Was ist der Preis?“, fragte ich in die Leere hinein.

„Das kann ich dir noch nicht sagen. Bist du bereit, die Stimme anzunehmen?“

Ich spürte Jubel in mir und rief: „JA!“

„Nun denn: Gehe dreimal um das Kirchlein, und bescheine dein Gesicht zehn Atemzüge lang mit dem Sonnenlicht. Sodann komm wieder herein und singe dein Lied.“

Ich tat, wie die leise Stimme befahl, ging schließlich in das Kirchlein zurück und fing an zu singen, zunächst noch leise und etwas unsicher.

Ich konnte mich selbst hören, die Töne, die nach und nach zu Klängen wurden. Zart und doch kraftvoll erfüllten sie das Kirchlein und durchfluteten mein Herz.

Lieder strömten über meine Lippen, wie das sprudelnde Wasser die eigene Quelle gebärt und verlässt.

Irgendwann blieb ich still und ruhig.

„Und was ist der Preis? Was habe ich zu bezahlen?“, fragte ich in die Stille.

„Geduld, Geduld! Die Rechnung kommt zur rechten Zeit.“

So nahm ich meinen Rucksack und zog zur nächsten Herberge, wo mir ein Bett zugeteilt und das Essen serviert wurde. Die anderen Pilger aßen still und ruhig. Schließlich kam einer zu mir.

„Bitte, singst du uns ein Lied?“

Mein Herz jubilierte, ich stellte das Glas Wein zur Seite und sang. Und wieder wurden die Töne zu Klängen, die der Herberge einen besonderen Zauber schenkten.

Dankbar und glücklich saß ich am Ende da.

„Und was ist der Preis, wo ist die Rechnung?", fragte ich.

„Du hast sie eben bezahlt“, sagte die leise Stimme leise.

❤️🎶❤️  ❤️🎶❤️  ❤️🎶❤️  

 

Verena Schmid https://youtube.com/@seelenfluestern11